kirchspiel-emsbueren.de

"Gott" - Ein Film über die aktive Sterbehilfe bewegt die Menschen


ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

“Gott” – Ein Film über die aktive Sterbehilfe bewegt die Menschen

Am Montag, den 23. November, lief in der ARD ein Film über das Thema der aktiven Sterbehilfe, bzw. des assistierten Suizides. Der Film, der nach einem Buch von Ferdinand von Schirach, gedreht wurde, hatte eine hohe Einschaltquote. Das verwundert nicht, weil es um ein Thema geht, dass jeden einzelnen betrifft und damit natürlich auch unsere Gesellschaft insgesamt.

Ich möchte mit Ihnen meine Eindrücke und Gedanken zum Thema des assistieren Suizides teilen. Hinweisen möchte ich Sie zudem auf drei Links im Internet, wo Sie – wie ich finde – gute Artikel zu diesem Thema finden.

Der Film hat eine fiktive Sitzung des Deutschen Ethikrates dargestellt, bei der die Frage des assistieren Suizides (= Selbstmord) diskutiert wird. Der Film will den Eindruck vermitteln, alle Positionen und Argumente, die es zu dieser Frage gibt, objektiv und mit gleichem Gewicht vorzutragen und zu diskutieren. Damit soll der Eindruck der Objektivität und Unvoreingenommenheit vermittelt werden. Wenn man genauer auf den Film schaut, dann wird aber deutlich, dass der Film durch dramaturgische Mittel eine Position stark macht: die Auffassung, dass jeder Mensch eine Recht hat sein Leben zu beenden, und dass es richtig ist, dass andere Menschen ihn dabei durch ein Medikament unterstützen, dass direkt zum Tod führt. Darauf weist der ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrok, hin, ein evangelischer Theologieprofessor. Den Artikel finden Sie in einem der Links im Internet.

Was der Film darstellt ist keine Fiktion, sondern Wirklichkeit. Denn im Frühjahr dieses Jahres hat das Bundesverfassungsgericht ein für alle Beobachter überraschendes Grundsatzurteil gefällt: War der assistierte Suizid bzw. die aktive Sterbehilfe bisher in Deutschland verboten, ist diese nun erlaubt. Auch die geschäftsmäßige Unterstützung dazu ist in Deutschland nun erlaubt. Dieses Recht gilt nicht nur für sterbenskranke Menschen, sondern für alle Menschen: Alte und Junge, Gesunde und Kranke, Menschen über 18 Jahren und Menschen unter 18 Jahren. Der Gesetzgeber, also das Parlament im Bundestag, hat nun die Aufgabe, das Grundsatzurteil in Gesetze zu fassen.

Mit diesem Urteil vollziert das Bundesverfassungsgericht eine Kehrtwendung um 180 Grad. Es vertritt nun genau die gegenteilige Position, zu den Urteilen, die das Bundesverfassungsgericht bisher zu der Frage der aktiven Sterbehilfe erlassen hat.

Die evangelische und katholische Kirche waren in den Beratungen zu dem Urteil beteiligt, genau wie Vertreter der Muslime und der Juden und vieler anderer gesellschaftlicher Gruppen. Alle Religionen hatten sich gegen die aktive Sterbehilfe ausgesprochen. Doch sie konnten sich mit ihren Argumenten nicht durchsetzen.

Ich persönlich finde das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, genau wie es die evangelischen und katholischen Bischöfe sagen, falsch und gefährlich. Für mich sind Argumente wichtig, die aus unserem christlichen Glauben kommen, aber auch Argumente, die nicht aus dem Glauben kommen.

Erstens: Es ist als Christinnen und Christen unsere Aufgabe, das Leben zu erhalten und zu schützen und nicht, es zu vernichten. Wir haben von Gott unser Leben geschenkt bekommen. Es ist ein Geschenk, eine Aufgabe und manchmal vielleicht auch eine Last. Aber es ist unverfügbar. Wir haben nicht das Recht, Leben zu vernichten. Nicht unser eigenes Leben und nicht das Leben eines anderen. Gott sagt: Du sollst nicht töten.

Natürlich gibt es trotz alledem Suizide. Und die Menschen, die sich das Leben nehmen, verdienen unser Mitgefühl. Und natürlich werden Menschen, die sich das Leben genommen haben, auf unseren Friedhöfen beerdigt, wie jede und jeder andere auch. Sie verdienen unser Mitgefühl, weil sie für ihr Leben oft keinen Sinn und keine Perspektive mehr gesehen haben und verzweifelt waren.

Bei allem Mitgefühl denken wir Christen dennoch, dass wir nicht das Recht haben uns zu töten. Und auch nicht das Recht haben, anderen beim Suizid aktiv zu helfen.

Der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau hat einmal gesagt: „Der Mensch will nicht durch die Hand eines anderen sterben, sondern an der Hand einen anderen Menschen.“ Und das ist auch meine Erfahrung als Seelsorger. Und deshalb bin ich den Menschen so dankbar, die sich in der Hospizarbeit engagieren oder auf den Palliativstationen arbeiten. Sie begleiten die Menschen in der letzten Phase ihres Lebens. Das ist schwer aber auch ganz wichtig und kostbar.

Dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichtes ist wirklich ein Dammbruch und ein Paradigmenwechsel. Und auch das hat schon vor einigen Jahren der ehemalige Bundespräsident Johannes Rau angesprochen: „Wo das Weiterleben nur eine von zwei legalen Optionen ist, wird jeder rechenschaftspflichtig, der anderen die Last seines Weiterlebens aufbürdet.“ Und genau darin sehe ich den Dammbruch durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes: Ein alter Mensch, ein schwerkranker Mensch oder vielleicht auch ein behinderter Mensch wird in Zukunft in der Realität vor seiner Familie und vor der Gesellschaft rechtfertigen müssen, warum er denn noch leben will, und damit seiner Familie und der Gesellschaft zur Last fällt. Und dieses Szenario ist wirklich schrecklich!

Und das sind keine Unkenrufe. Es ist schon jetzt Realität in den Ländern, wo der assistierte Suizid möglich und erlaubt ist. Im amerikanischen Bundesstaat Oregon hat man die Menschen nach ihren Gründen befragt, die sich im Jahr 2017 mit Hilfe eines Arztes das Leben genommen haben. Mehr als 50% haben als Grund angegeben, dass sie ihrer Familie, ihren Freunden und den Pflegenden nicht zur Last fallen wollen. Das ist eine große Kritik, die ich am Urteil des Bundesverfassungsgerichtes habe: Es ist ein gefährliches Urteil und führt uns auf eine schiefe Ebene.

Nun die drei Links zu Artikeln im Internet, die ich sehr gut finde:

Ein langer und guter Artikel der evangelischen und katholischen Kirche:

https://www.drs.de/fileadmin/user_upload/News/2020/11_November/20201112_Orientierungspapier_Sterbehilfe_Urteil.pdf

Ein Artikel vom ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates:

https://www.evangelisch.de/inhalte/178601/23-11-2020/ach-gott-herr-ferdinand-von-schirach-peter-dabrock-suizidassistenz

Ein kurzer Text vom Bischof Fürst aus Stuttgart:

https://www.dbk.de/nc/presse/aktuelles/meldung/bischof-fuerst-zum-ard-themenabend-suizidbeihilfe/detail/

Stephan Schwegmann
Pastor

« zurück